Rating: 5/5
Ein seltsamer Fall, dieses Buch. Für mich kommt es schlicht 15 Jahre zu spät – ich habe mich in den vergangenen zehn Jahren durch nahezu alle hier verhandelten Themen bereits selbst durchgearbeitet, durch viel Literatur, aber auch durch viel Versuch und Irrtum: Bewegung, Ernährung, Kognition, Meditation, Produktivität, das Verhältnis zu sich selbst. Entsprechend war vieles davon bekannt – was aber, das sei fairerweise gesagt, auch eine gewisse Bestätigung ist. Wäre ich Anfang 20 oder gerade mitten in einer handfesten Lebenskrise, würde ich dieses Buch wahrscheinlich als Offenbarung erleben. So ist es vor allem ein solides Fundament, das ich mir selbst mühsam zusammengetragen habe.
**Was das Buch leistet**
Fast hat sich für dieses Buch offensichtlich enormes Wissen erarbeitet, und inhaltlich liegt er meistens richtig. Eine Stelle, die mich wirklich beeindruckt hat, dreht sich um identitätsstiftende Praktiken: Fast unterscheidet zwischen dem, der sagt „Ich mache Yoga”, und dem, der sagt „Ich gehe zum Yoga” – ein Unterschied, der sich nicht im Kalender verankert, sondern im Selbstverständnis. Wer eine Praktik über Jahrzehnte aufrechthält, tue das nicht wegen eiserner Disziplin, sondern weil er ohne sie aufhören würde, er selbst zu sein. Das klingt simpel, trifft aber einen zentralen Punkt und ist dabei besser formuliert, als man es in diesem Genre oft vorfindet.
**Was mich stört**
Das Problem ist weniger das Wissen als der Gestus. Fast schreibt mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der nicht nur die Antworten hat, sondern auch weiß, dass er sie hat – und einem das auch spüren lässt. Der moralische Zeigefinger erscheint so verlässlich wie ein Taktgeber. Das wäre noch zu verschmerzen, wenn es mit einer gewissen Nachdenklichkeit einherginge; die fehlt aber stellenweise. Man merkt, dass hier jemand viel gelesen und gedacht hat, dem aber noch die Erfahrung fehlt(e), das eigene Wissen auch mal in Frage zu stellen.
Konkret äußert sich das unter anderem in Aussagen ohne jede Quellenangabe – „Mache X genau so, um Y zu erreichen” – die mit einer Bestimmtheit vorgetragen werden, die sie schlicht nicht verdienen. Auch ist es ein Buch, welches sich fast ausschließlich der individuellen Ebene widmet. Man lernt wenig bis nichts, wie man z.B. besser für seine Familie da sein kann oder auch nur die vorgestellten Praktiken und Lebensweisen mit dem Familienalltag vereint.
Nicht zuletzt ist da das Thema der Kulturkritik, die Fast an mehreren Stellen entfaltet und dir mir deutlich zu pauschal ist: Sie öffnet destruktiven Lesarten auf unsere Gesellschaft Tür und Tor, ohne dass dem ein konstruktiver Gegenentwurf gegenübersteht. Dass es viele Wege zum guten Leben gibt, scheint Fast in diesen Momenten zu entfallen. Einen umfassenden Lebensratgeber als junger Mann zu schreiben muss wohl zwangsläufig gewisse Blindstellen produzieren. Das ist menschlich verständlich, macht es aber nicht besser.
**Mein Fazit**
Trotz allem: Ich würde dieses Buch als Must-Read bezeichnen – aber mit dem Hinweis, kritisch zu lesen. Wer bereit ist, die Hälfte des Geschriebenen wirklich ernst zu nehmen und dabei den eigenen Kopf einschaltet, wird sein Leben spürbar verbessern. Das ist keine geringe Leistung. Man muss Fast nur nicht für unfehlbar halten – was er einem, ehrlich gesagt, etwas zu leicht macht.